Thema Kinderarzneimittel

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

Die Organe von Kindern sind unausgereift. Im Verhältnis zum Körpergewicht sind sie größer als die von Erwachsenen und sie unterliegen permanenten Entwicklungsprozessen. Das führt dazu, dass sich ihr Stoffwechsel nach völlig anderen Gesetzen vollzieht als der von Menschen, deren Physis bereits voll ausgebildet ist. Auch das Immunsystem ist bei Kindern noch nicht gereift, sodass ihr Organismus besonders empfindlich auf Umweltgifte, Krankheitserreger und Medikamente reagiert.¹

Kinder brauchen auf ihre besonderen Bedürfnisse abgestimmte Arzneimittel

Aufgrund dieser hohen Sensibilität kann die Einnahme ungeeigneter Arzneimittel problematische Langzeitfolgen für das Immunsystem, das Skelett oder die sich entwickelnden geistigen Fähigkeiten nach sich ziehen.2 Das heißt, dass Kinderarzneimittel auf die spezifischen pädiatrischen Anforderungen abgestimmt sein müssen. Zwar ist der Einsatz von Wirkstoff und Therapiekonzept von Erwachsenenarzneimitteln in der Pädiatrie grundsätzlich möglich, doch dürfen Dosis und Wirkung nicht einfach proportional zum Gewicht umgerechnet werden.1

Wachstum ist kein linearer Prozess

Quelle Grafik: M Schwab, A Rane, H W Seyberth (Hrsg): Pediatric Clinical Pharmacology 2011; Springer Verlag, Berlin, Pediatric Clinical Pharmacology.

 

Der gesamte Stoffwechsel und die Organsysteme, die an der Arzneimittelwirkung beteiligt sind, sind hochkomplex und unterliegen im Laufe des Älterwerdens dramatischen Veränderungen. Da sich der Stoffwechsel der Organe je nach Entwicklungsstadium ändert, verlaufen Verweildauer und Abbau von Medikamenten (Clearance) im Körper von Kindern und Erwachsenen völlig unterschiedlich.

Darüber hinaus spielt auch die Darreichungsform eine Rolle. Denn für kleine Kinder, zum Beispiel, sind Tabletten ungeeignet und Jugendliche lehnen Zäpfchen meist kategorisch ab. Für die Medikation von Erwachsenen und Kindern sollten deshalb separate Ansätze verfolgt werden, und zwar bezüglich:

  • Darreichungsformen
  • Dosierungen
  • Verträglichkeit
  • Hilfsstoffe
  • Anwendungssicherheit
  • Kenntnisse von Wirkung und Nebenwirkung

In der Hälfte der Fälle erhalten Kinder Medikamente „Off-Label“

Angesichts des Wissens um die körperlichen Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen kommt eine Studie aus dem Jahr 1999 zu einem bedenklichen Ergebnis: 40 % der ambulant zur Behandlung bei Kindern eingesetzten Arzneimittel wurden nicht an Kindern geprüft und sind auch nicht für Kinder zugelassen. Im Bereich der Intensivmedizin und der Neonatologie liegt dieser Prozentsatz noch viel höher.3-6 Diese Praxis kann damit erklärt werden, dass Ärzte, die ihre kleinen Patienten therapieren wollen, oft nicht auf spezifische Kinderarznei-
mittel zurückgreifen können und daher gezwungen sind, auf eigene Verantwortung Medikamente „Off-Label“ zu verschreiben.

Mehr Informationen erhalten Sie hier:

 

Warum gibt es so wenige zugelassene Arzneimittel für Kinder?

Regulatorische Besonderheiten Kinderarzneimittel

Klinische Studien mit Kindern

 

1Frobel A-K, Läer S: Besonderheiten der Pharmakotherapie bei Kindern, Apothekenmagazin 2006;24(07-08)168-175
2Mühlbauer, Bernd/Janhsen Katrin/Pichler, Josef/Schoettler, Petra: Off-label-Gebrauch von Arzneimitteln im Kindes- und Jugendalter – Eine Verordnungsanalyse für Deutschland. Deutsches Ärzteblatt 2009, Jg. 106, Heft 3, 25-31.
3Conroy S, MacIntyre J, Choonara I (1999): Unlicenced an off label drug use in the neonate. Arch Dis Child fetal Neonatal Ed 80:F142-F145.
4Lindell-Osuagwu L, Korhonen MJ, Saano S et al.: Off-label and unlicensed drug prescribing in three paediatric wards in Finland and review of the international literature. J Clin Pharm Ther. 2009 Jun; 34(3):277-87.
5`T Jong GW, Eland IA, Sturkenboom MC et al. (2002): Unlicenced and off-label prescription of drugs to children: a population based cohort study. BMJ 324:1313-1314.
6Turner S, Gill A, Nunn T et al.: Use of off-label and unlicenced drugs in paediatric intensive care unit. Lancet 1996; 347:549-550.

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